Piet Hein

MULTI-DENKER UND GENERALIST

Das Leben von Piet Hein begann eher konventionell. Sein Vater war Ingenieur und seine Mutter Augenärztin. Die Kindheit und Jugend von Piet Hein endete in Kopenhagen mit der Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife am Metropolitan-Gymnasium. Im Herbst 1924 belegte er einen Einführungskurs in Philosophie an der Universität in Kopenhagen.

Danach verlief das Leben des inzwischen 19-jährigen Piet Hein alles andere als gleichmäßig. Er verließ die Universität, um eine private Kunstschule in der Hauptstadt zu besuchen. Anschließend verbrachte er einige Zeit als Student an der Royal Swedish Academy of Fine Arts in Stockholm. Er kam zurück nach Dänemark und änderte erneut seinen Kurs. Er studierte weiter Philosophie an der Universität in Kopenhagen und theoretische Physik an der Technischen Universität und dem Niels Bohr Institut.

Vielleicht sind dies die Gründe für die grundlegende Besonderheit Piet Heins. Für ihn gab es keine unüberbrückbare Kluft zwischen der Subjektivität der schönen Künste und der objektiven Welt der Wissenschaft.

Während seines gesamten Lebens brachte er - stetig darin wachsend - seine künstlerische und wissenschaftliche Seite zum Ausdruck. Er wurde als Generalist  bezeichnet. So gesehen bestand eine spirituelle Affinität zwischen ihm und dem Renaissance-Ideal - sozusagen eine moderne Variante von Leonardo da Vinci. Im Gegensatz zu den historischen Vorbildern zieht sich durch Piet Heins Werk aber ein leicht wiedererkennbares Merkmal, egal ob es um seine wissenschaftlichen Schriften, Essays, die Poesie oder Architektur geht. Der spezielle Piet Hein Stil ist die Überlegenheit der Form in Bezug auf Ziele, Mittel und Inhalte.

Piet Heins Welt ist nahezu der Inbegriff für Design. Sein wiedererkennbarer Stil in Sprache und Material wandelt Design in Kunst. Seiner Generation gehörten die kulturellen Linken der Zwischenkriegsjahre und später die Flower-Power-Generation an, aber er entschied sich weder für das eine noch das andere.

Piet Hein wählte seinen eigenen Kurs. Sein Kurs hatte nur wenige Schlagzeilen und sie begleiteten ihn in seinem poetischen wie architektonischen Schaffen für fast 60 Jahre. Würde man seine Arbeit unter einem einzigen Schlagwort zusammenfassen, dann würde das Wort 'Harmonie' das richtige sein. Piet Hein erklärte 1944 seine Arbeitsweise so: "Kunst ist die Lösung von Problemen, die nicht klar formuliert werden können, bevor sie gelöst sind." Einige Wegbegleiter haben seine Arbeitsweise sehr treffend als 'architektonisch-poetisches Design' bezeichnet.

HARMONISCHE FORMGEBUNG MIT WORTEN: GRUKS

In den 1930er Jahren lasen die Dänen hin und wieder kleine Gedichte von Piet Hein in der Tageszeitung 'Politiken'. Sie wurden unter der Überschrift 'Von Tag zu Tag' gedruckt und Redaktion wie auch Autor sahen diese Gedichte als poetische Kommentare für kleine und große Ereignisse des Alltags. Ab 1940 kristallisierte sich die eigene Form heraus. Piet Hein, alias Kumbel Kumbell verfasste ganz besondere Gruks. Viele Leute haben versucht zu definieren, was ein Gruk eigentlich ist. Man könnte sagen, dass die meisten Gruks das ausdrücken, was jeder selbst denkt. Aber sie versehen die alltäglichen Beobachtungen mit neuen Perspektiven und diese liefern dem Leser kleine Anweisungen für die schönste aller Künste: die Kunst des Lebens. So erkennt sich jeder in Kumbel's Welt wieder.

Zwischen 1940 und 1963 wurden zwanzig Bücher mit Orginal-Gruks veröffentlicht. Einer der ersten Gruks war - 'Wenn du Witz nur für Witz nimmst und Ernstes nur ernst, darfst du dich nicht wundern, wenn Du beides nicht lernst' - dieser sollte einer der berühmtesten bleiben. Piet Hein nannte es das 'pädagogische Gruk' und bezeichnete es in anderen Zusammenhängen als eine Art Schlüssel zu all den anderen Gruks.

Der Dichter Kumbel Kumbell hat seine überwiegend dänischen Gedichte in verschiedene Sprachen übersetzen lassen. Mehr als eineinhalb Millionen Exemplare wurden davon gedruckt. Piet Heins ursprüngliche Absicht war es, die Gruks allen zugänglich zu machen.

Sie sollten gelesen werden und der Autor hielt sich nicht zurück, wenn es darum ging, Inititative zur weiteren Verbreitung zu ergreifen. Kleine Butterplatten aus Porzellan, auf denen ein Gruk aufgemalt war, wurden sehr berühmt. Er war auch verantwortlich für die Übersetzung von ganzen Gruk-Sammlungen ins Englische sowie in Esperanto.

HARMONISCHE FORMGEBUNG MIT MATHEMATIK: DIE SUPERELLIPSE

Parallel zu seiner dichterischen Arbeit entschloss sich Piet Hein, ein absolut harmonisches, physisches Design zu (er)finden. Mit mathematischer Intuition fand er zunächst die Form und lieferte anschließend die Erklärung. Seine Superellipse löste den doppelten Gegensatz zwischen Kreis und Quadrat sowie Ellipse und Rechteck. Mittels der Mathematik fand er eine harmonische, geometrische Figur, die erstmals in großem Stil im Zusammenhang mit der Lösung eines städtebaulichen Problems in Stockholm eingesetzt wurde. Im Zentrum von Stockholm sollten auf einem rechteckigen Platz, der 200m Meter lang war, zwei mehrspurige Straßen in einem riesigen Kreisverkehr zusammentreffen. Die Lösung dafür war die Übertragung der Superellipse auf Platz und Kreisverkehr des neuen 'Sergels Torg'. Später wurde die Superellipse in Kanada, Frankreich, Japan, den USA und Mexiko bei der Lösung von unterschiedlichsten Konstruktionen wie Wohngebieten und Sportzentren (zum Beispiel dem Olympiastadion in Mexiko-Stadt) eingesetzt.
Auch im Bereich des Möbeldesigns diente die Superellipse als Lösung für verschiedene Probleme - vor allem Piet Heins Tischplatten in Form der Superellipse wurden sehr populär.

Die dreidimensionale Version der Superellipse war das Super-Ei, das aus Metall in verschiedenen Brettspielen, als Getränkekühler und Anti-Stress-Ball realisiert wurde.
Gerade letztgenannter erreichte eine enorme Popularität in den 1970er Jahren. Neben der Entwicklung der Superellipse hat Piet Hein sehr viele andere Design-Aufträge umgesetzt, von Brettspielen aus Holz bis zur eleganten Sinus-Leuchte.

DER GLAUBE AN DEN INTELLEKTUELLEN MANN

1940 wurde Piet Hein Präsident der Vereinigung 'Frisindet Kulturkamp' (Liberaler Kulturkampf). Dies war der erste sichtbare Schritt seines Bemühens um Globalismus und Harmonie.
Sein diesbezügliches Engagement verdeutlicht sich am besten in seiner von 1948 bis 1949 dauernden Präsidentschaft des dänischen Zweiges  der Bewegung 'World Federal Government'. Hier arbeiteten Leute ernsthaft an der Lösung der weltweiten Probleme und Konflikte durch ehrenamtliche wissenschaftliche Arbeit und die Zusammenführung von Intellektuellen auf der ganzen Welt.

Später war es Piet Hein ein Anliegen, die internationale, künstliche Sprache Esperanto zu verbreiten und er wurde zum Beispiel Mitglied in den Ausschüssen von 'Open Door International', der 'Humanistischen Union' (Humanistik Forbund), der 'Liga für Toleranz' (Ligaen for Tolerance) und dem 'Intenational Pen'.

Außerdem war es charakteristisch für Piet Hein, dass er gezielt den Kontakt zur geistigen Elite seiner Zeit auf internationaler Ebene suchte. Seit seiner Studentenzeit an der Technischen Universität in Kopenhagen kannte er den Physiker Niels Bohr. Durch ihn schloss er nach dem 2. Weltkrieg Bekanntschaft mit Albert Einstein und Charly Chaplin. Zu diesen Menschen unterhielt Piet Hein eine enge Freundschaft und beschrieb in mehreren Essays, wie er durch sie inspiriert wurde.

NATIONALE UND INTERNATIONALE ANERKENNUNG

Piet Hein gehört zu den Dänen, die die meisten Auszeichnungen im zwanzigsten Jahrhundert erhalten haben. In Dänemark erhielt er die Aarestrup-Medaille (1969), den Industrial Design-Preis (1971), den Storm Petersen-Preis (1978), die Medaille Ingenio et Arti (1985), die jährliche Auszeichnung vom Danish Design Council (1989) und die Tietgen Medaille (1990) sowie Ehrenmitgliedschaften der 'Students' Association' (1970), der 'Royal Copenhagen Shooting Society' (1978) und 'Det Danske Broderskab' (Dänische Gilde) (1978).

Internationale Auszeichnungen, die erwähnt werden sollten, sind die Alexander Graham Bell Silver Bell (1968), Die gute Industrieform (1971), den Ehrendoktor der Yale Universität (1972), die Auszeichnung des Huitième Salon Internationale du Lumiaire (1973) und die Ernennung zum Ehren-Dozenten in Stockholm (1983).

Piet Hein ist international der bekannteste Däne in diesem Jahrhundert, neben dem Physiker Niels Bohr und der Schriftstellerin Karen Blixen.