Piet Hein

AAGE MARCUS - PIET HEIN, EIN DÄNISCHER SCHRIFTSTELLER DES 20. JAHRHUNDERTS

Um zu verstehen und zu begreifen, was das kaleidoskopische Phänomen namens Piet Hein ausmacht, ist es am besten, mit seinen Daten zu beginnen.

Er wurde am 16. Dezember 1905 geboren - als Sohn des Diplom-Ingenieurs Hjalmar Hein, dessen Familie ursprünglich aus den Niederlanden kam, und der Augenärztin Estrid Hein. Estrid Hein war - wie die Mutter von Karen Blixen - eine Enkelin des Händlers A.N. Hansen, d.h. die Mütter waren Cousinen. Sein Elternhaus lag in Rungsted Skovhus, wo er selbst lange lebte.

Nachdem er sein Abitur (Zweig Mathematik) an der Metropolitanskolen 1924 bestanden und den Philosophiekurs Teil I bei Frithiof Brandt besucht hatte, zog er im folgenden Jahr nach Stockholm, um dort Malerei an der Königlich-Schwedischen Akademie der Bildenden Künste zu studieren. Zu seinen Lehrern zählte Albert Engström. Früher als geplant kehrte er 1927 nach Kopenhagen zurück, wo er  Vorlesungen in Philosophie an der Universität belegte. Daneben studierte er bis 1931 am Institut für Theoretische Physik unter Niels Bohr. Hier konstruierte er ein Modell, um die Theorie der Komplementarität in einem Instrument (Atomarium) zu visualisieren. Dies weckte das Interesse der Forscher. Seine Teilnahme an Symposien, in denen die neuen epochalen Entdeckungen innerhalb der Atomtheorie diskutiert wurden, waren besonders belohnend für ihn.

In den folgenden Jahren widmete er den Großteil seiner Zeit und Energie verschiedenen Erfindungen, wie einer genialen Rotormaschine und dem Coloroscope, das ein Gerät zur Erzeugung von Licht-Effekten war, in denen das Spektrum vom räumlichen ins zeitliche Dasein schwingt.

Im Laufe der Jahre hat er auch zahlreiche, oft sehr originelle Puzzles und Spiele erfunden. Hervorzuheben ist seine Variante eines alten orientalischen Spiels, das unter dem Namen Hex in vielen Fachzeitschriften diskutiert wurde, sowie das schöne, neckische Objekt, das er Soma-Würfel nannte und das Polygon-Spiel. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe neuer Entwürfe verschiedener Waren für den häuslichen Gebrauch, darunter ein Türbeschlag, der so einfach wie anspruchsvoll ist und Dinge im Bereich Industrie-Design. Schließlich sei erwähnt, dass, als der zentrale Sergel Torg in Stockholm geplant wurde, es Piet Hein war, der darauf hinwies, dass die geometrische Superellipse die optimale Lösung hierfür wäre, sowohl in Bezug auf Verkehr als auch Ästhetik.

Neben diesen Tätigkeiten hat er sich auch aktiv an den liberalen politischen Bewegungen beteiligt, die gerade in den 1930er Jahren so wichtig waren. Von 1935 bis 1955 war er Vorstandsmitglied des dänischen Zweigs von 'The Open Door International', und ab 1940 des nationalen Verbands des 'Frisindet Kulturkamp', sowie später des nationalen Verbands 'One World' und der 'Liga für Toleranz'. Dass er auch Mitglied des dänischen Abenteurer-Clubs wurde, hat mit seinen vielen ausgedehnten Reisen und mehrjährigen Aufenthalten in Nord- und Südamerika sowie in Europa zu tun. Erwähnenswert ist auch, dass er Mitglied des Internationalen PEN-Clubs war, womit wir die Seite seiner Aktivitäten erreichen, die mit Literatur zu tun hat.

Bereits in den 1930er Jahren hat Piet Hein eine Reihe von Artikeln über humanistische und wissenschaftliche Themen geschrieben, aber seine literarische Produktion begann erst richtig, als die seltsamen, kleinen Gedichte, die er Gruks nannte, kurz nach der Besatzung durch die Nazis im April 1940 in der Zeitschrift 'Politiken' erschienen.

Die Produktion einer Reihe zusammenhängender, kurzer Texte war natürlich nichts Neues. Schöne Beispiele dieses Genres sind die witzigen Zeilen von Fritz Jürgensen, die genialen Reime von Louis Levy und Sturm Petersens 'Flies'. Ähnliche Beispiele aus anderen Ländern kommen von Christian Morgenstern und Erich Kästner sowie dem Amerikaner Ogden Nash. Aber wenn es sowohl um Quantität als auch Qualität geht, sind Piet Heins Gruks in ihrer Art etwas Besonderes.

Zunächst erschienen sie unter dem Pseudonym 'Kumbel Kumbell'. Dieser Name erklärt sich so: Piet ist die niederländische Form des Namens Peter oder Petrus, der ja Fels, Stein bedeutet. Hein ist eine Schreibweise von 'Henne', dem alten dänischen Wort für einen Schleifstein. 'Kumbel' oder 'kumbl', wie es streng genommen geschrieben werden müsste, bedeutet ebenfalls Stein, wenn auch eher im Sinne von Grabstein. Mit anderen Worten, Piet Hein, oder 'Stein Stein' kann auch mit 'Kumbel Kumbel' übersetzt werden. Ursprünglich schrieb er das zweite Wort mit zwei Ls, später wurde daraus nur 'Kumbel' - der Name, unter dem er mindestens so bekannt war wie unter seinem eigenen.

Da es heute über 7.000 - siebentausend! - Gruks gibt, ist es unmöglich, dieses enorme literarische Werk kollektiv zu charakterisieren. Unzählige Facetten funkeln darin: ätzend und sensibel, heiter und ernst, grotesk und sprichwörtlich. Eine große Anzahl drücken aus, was jeder gerade denkt, während andere neue Perspektiven zu den ganz alltäglichen Dingen hinzufügen. Das Gefühl und der immer präzise Einsatz von Sprache und anspruchsvollen Rhythmen und Reimen machen nicht nur die längeren, lyrischen, sondern auch die kurzen Aphorismen zu wahrer Poesie.

In einem sagt er (wörtlich übersetzt):

Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube,
dass Verse kurz sein sollten.
Wenn Sie denken, dass ich falsch liege,
dann lesen sie meine zweimal,
um sie lang zu machen.

Die Kürze fühlt sich aber nie fragmentarisch an, denn jedes Gruk drückt das Intendierte voll aus. Die folgenden elementaren - wenn auch wahrscheinlich eher unbekannten - Wahrheiten kann man kaum prägnanter (auch nur wörtlich übersetzt) formulieren:

Eine Hälfte ist,
dies ändert sich nie,
genau zwei Drittel
von drei Vierteln.

Weil die Formulierung der meisten Gruks viele Stunden Arbeit in Anspruch nahm, sagte er einmal: "Gedichte zu schreiben ist keine Tändelei, aber wer behauptet auch, dass es ein Kinderspiel sei?"

Eines seiner ersten Gruks wurde sehr berühmt. Es heißt: "Kleine Katze, kleine Katze, du wanderst so allein, sag mir, wessen Katz' bist du - Gottlob, ich bin nur mein." Viele Gruks aus der Besatzungszeit verwiesen auf die Situation in Dänemark, und viele seiner sogenannten 'Untergrund'-Gruks konnten nur illegal veröffentlicht werden.

Ein wichtiges Merkmal der Gruks ist, dass sie fast immer durch eine Zeichnung ergänzt wurden. Nicht umsonst hat Piet Hein, wie bereits erwähnt, seine Karriere an der 'Schwedischen Schule der Künste' begonnen. Viele der tausend Zeichnungen, die manchmal mit barocken, manchmal mit eleganten Linien versehen waren, dienten als bildliche Ergänzung zu Texten, von denen man nicht glaubte, dass sie zu visualisieren seien. Als Beispiel für seine Fähigkeiten ist hier eines seiner bekanntesten Gruks:

Piet Hein hat nicht nur eine Vielzahl seiner Gruks ins Englische übersetzt - dort gibt es eine ganze Sammlung von ihnen unter dem Titel 'Grooks' - sondern viele auch ins Spanische. Eine Reihe von ihnen schrieb er auch direkt in Englisch bzw. Spanisch, Von diesen gibt es oft keine dänische Version. Die erste Sammlung wurde im Jahr 1941 in Buchform veröffentlich. Insgesamt erschienen 20 Bände. Die besten - es sind die absolut besten von 7000 - wurden in 'Gruk fra all årene' (Gruks aus all den Jahren), 1 und 2 (1963 und 1964) veröffentlich. Eine besonders gute Anthologie erschien 1949, herausgegeben von Det Danske Forlag mit dem Titel 'Kumbels Fødselsdagskalender' (Kumbels Geburtstagskalender). Es enthält 377 Gruks, die alle mit begleitenden Zeichnungen versehen sind.

Unzählige Gruks enthalten Beobachtungen von Dingen, die von den meisten Menschen übersehen werden. In einem von ihnen, sagt er:
"In wem sich Gottes Sichtweisen einen, offenbart sich auch das Große im Kleinen."
Als Beispiel dafür, in welchem ​​Umfang er selbst diese Sichtweise besaß, kann man folgendes zitieren:

Eine ganz andere Art von Gruk ist dieser (wörtlich übersetzt):

Leben im Moment

Eine abgedroschene Routine lautet, den Moment zu leben,
Was die meisten auf der Welt perfektioniert haben.
Nur für manche ist es der Moment, der schon gewesen ist.
Für andere, der eine, der erwartet wird.

Doch keine Art von Magie kann ihn neu entfachen,
Die Vergangenheit ist für immer vorbei,
Noch die Zukunft beschwören, bevor sie fällig ist:
Unsere Zeit ist jetzt - oder sie ist es nie.

So kurz ist der Moment, in dem wir leben,
Und Zukunft oder Vergangenheit sind es nicht.
Wer weiß, was das Leben zu geben hat
Muss dankbar die Gegenwart begrüßen.

Aber jeder Versuch, durch das Herausgreifen verschiedener Beispiele, den überwältigenden Reichtum der Tausenden von Gruks zu illustrieren, ist zum Scheitern verurteilt. Trotz der großen Vielfalt ist es jedoch möglich, ein paar Haupttendenzen herauszuarbeiten. Einige Gruks sind extrovertiert, sie haben einen satirischen Widerhaken, andere enthalten Erfahrungen und Beobachtungen anderer Menschen und sind mehr oder weniger direkt eine Anleitung in der Kunst des Lebens. Dies gilt auch für viele Gruks wie dieses: "Das Leben kümmert sich um sich bis wir uns fragen, geht's um mich? Liebe, solange du Liebe zu geben hast. Lebe, während du Leben zu leben hast."

Obwohl er ausdrücklich sagt: "Meide Ratschläge um jeden Preis, das ist der beste Ratschlag, den ich weiß", enthalten viele seiner Gruks zu kluge Maximen, um ignoriert zu werden!
Andere Gruks gehen in eine völlig entgegengesetzte Richtung und drücken aus, was in ihm selbst stattfand. Ein Gedicht, das er Polymania nennt, geht so:

Das Schicksal war wirklich recht gnädig mit mir, weil ich ein Einzelkind bin und nicht einer von vier (Anm.: eigentlich 'von sechs').

Doch bin ich erfolglos bei all meinem Streben, weil vier die Gedanken in einem Kopf  hegen.

Es ist verständlich, dass diese Spaltung - die wahrscheinlich nur eine Folge seiner Vielseitigkeit ist - manchmal zu einer Sehnsucht nach Ruhe von äußeren Einflüssen führte. Diese findet ihren Ausdruck beispielsweise in den folgenden letzten Zeilen eines Gruks:

Wie herrlich nur ist es Gesellschaft zu haben, doch was kann noch viel schöner sein? Geständnis: Ich kann mich auch daran wohl laben, für mich und alleine zu sein.

Dieser Drang - nicht nur nach Einsamkeit, sondern nach Befreiung aus dem Chaos der Phänomene - kommt hier noch stärker zum Ausdruck (wortwörtlich übersetzt):

Ich liege auf dem Rücken im weichen, wiegenden Gras und folge den vorbeischwebenden Wolken.
Wäre ich doch nur eine Wolke an einem warmen Sommertag und reflektierte nur den Himmel.

Nur als Wolke anmutig segeln, von der Sonne erwärmt oder vom Wind durchgeschüttelt werden,
Um sich in nichts als dem weiten azurblauen Raum aufzulösen und Inhalt und Form weit hinter sich zu lassen,

Um das Gesetz für den Wechsel der Wolken zu befolgen - ein Gesetz, das nicht schwer zu erinnern ist,
Um ganz in der Wärme der Sonne zu verschwinden und nie da gewesen zu sein.

Irgendwo anders sagt er, dass - falls er etwas anderes als er selbst hätte sein können - er gern ein weißer Flieder im Wind oder ein leuchtender Ball auf der Spitze einer Brunnenfontäne hätte sein wollen. Der gleiche Wunsch, nämlich sich in Luft aufzulösen, wird in dem folgenden, sehr schönen Gedicht aus dem Jahr 1941 offenbar:

Alle kleinen Bäche der Auen hegen einen seltsamen Traum
Vom Meer, dem großen, dem freien, in dem der reißende Strom versinkt.
Wenn das Rennen zu Ende ist, ist das Meer das Ziel, das sie erreichen wollen.
Das Meer, das sie von den Mächten befreit, die einen Strom begrenzen.

Frei von dem strömenden Streben, frei von der stauenden Breite
Löst sich der Strom im Meer und bleibt für immer und ewig frei…
Und wenn sich eine durchsichtige Welle mit flügelweißer Schaumkrone zeigt
Raunen die anderen Wellen: Schau dort! Das ist der Muldmose Strom.

Es kann nicht geleugnet werden, dass in vielen seiner 90 Gedichte, die in dem Buch enthalten sind, der theoretische Ton deutlich über dem emotionalen dominiert. Aber beides, die Fruchtbarkeit der Ideen und die schiere Formschönheit sind oft so wundervoll, dass wohl aufgrund der enormen Popularität seiner Gruks, die rein lyrische Seite von Piet Heins Werken in den Hintergrund tritt.

Vers i verdensrummet' (Verse im Weltraum) enthält ebenfalls eine Reihe von Gedichten, die sich an Menschen richten, die für Piet Hein etwas Besonderes bedeutet haben, darunter drei der prominentesten Forscher unserer Zeit: Niels Bohr, der ein Freund seit seiner Jugend war, Albert Einstein, den er regelmäßig am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey besuchte und Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, der während eines Aufenthaltes in Rungsted Skovhus an seinem letzten Buch schrieb.

Andere Freunde des Hauses waren Bertrand Russell, Aldous Huxley, Thor Heyerdahl und die beiden wunderbaren Illustratoren Albert Engström und der Amerikaner Saul Steinberg. Unter den Dichtern, die er charakterisiert oder in Versen beschrieben hat und die ebenfalls zu seinen Freunden zählten, waren auch Herman Wildenwey, Arnulf Øverland, Johannes V. Jensen und Ludvig Holstein, der, nebenbei bemerkt, dafür verantwortlich war, dass die ersten Gruks in Buchform erschienen.

Eine spätere Sammlung von Gedichten, 'Vers af denne Verden' (Verse von dieser Welt, 1948), enthält ebenfalls brillante Gedichte wie 'Du skal plante et træ' (Du musst einen Baum pflanzen), erschienen 1960. Die beiden wesentlichen Merkmale, die alles charakterisieren, was er schreibt - nämlich die kosmische Perspektive und der Kampf gegen alle Vorurteile, einschließlich der rassistischen - sind besonders stark in diesem Buch vertreten. Sein Bedürfnis nach einer größeren, universalen Gemeinschaft bildet die Grundlage für ein Gedicht mit dem Titel 'Rufe in der Dunkelheit '. Der erste Abschnitt davon lautet (wortwörtlich übersetzt):

Ich wache auf und lausche in die Dunkelheit. Etwas hat sich bewegt.
Etwas hat ein fast unmerkliches Murmeln von sich gegeben,
Ein Schauder hat die spiegelblanke nächtliche Stille zerdrückt.
Nun ist sie wieder neu ausgebrochen.
Dort liegt mein Kind in seiner Welt der Ruhe und Träume,
sicher in seinem warmen kleinen Bett mit einem Buch und einem Bären.
Hat er mich im Schlaf gerufen? - Nein, alles ist ruhig.
Ich wähne mich sicher. Da wache ich auf:
weinende Kinder!

Die Wände weichen und öffnen sich der Welt,
und der Tiefe, an die die menschliche Gemeinschaft reicht.
Da singt es von Entfernungen, Offenheit, des Menschen Verantwortung
für seine Geringsten, die kommende Menschenschar.
Ich kann meine Welt wegen der Nähe nicht schließen.
Ich liege und lausche in die Nacht. Es weint und ruft.
Es sind nicht fremde Kinder, die hungrig und verängstigt sind
und auf der Flucht und die in der Dunkelheit weinen.
Es sind unserer aller.

Viele Gedichte des Buches müssten hier aufgeführt werden, aber wir werden uns mit dem folgenden begnügen, das sich etwas von den anderen unterscheidet:

HANS CHRISTIAN

Früher machten wir lange Spaziergänge zu Fuß,
Frau Andersen, Hans Christian und ich,
vom harten Pflaster der Stadt und den engen Wänden
hinaus entlang einer blumengesäumten Landstraße.

Er war so besonders und verletzlich, und er hatte
so viel Schüchternheit und so viele Fehler.
Aber selbst wenn er in Kletten fiel,
fühlte mit einer krummgebogenen Schnecke.

Er sah das Gemeinsame gerade im Speziellen
Bei Tieren und bei toten Dingen. Er war
das allgemeingültige Individuum,
denn alles besteht aus verschiedenen Eigenarten.

Ich traf ihn eines Tages in Kongens Have  ...
Gott weiß, was seitdem mit ihm passiert ist?
Er hatte die Gabe der Phantasie.
Aber was soll unsere Welt damit?

Er wollte bestimmt zum Theater. Ich frage mich, ob er es schaffte?
Das hässliche Entlein! Der Junge hieß schließlich
nur Donald Duck unter uns, die über ihn scherzten.
Er endete sicher beim Film. Als Statist.

Jetzt leben wir auf Tempo und sterben beim Zählen.
Und Lebensstandard ist alles, was wir verstehen.
Wo ist Hans Christian - das hässliche Entlein
in Dänemarks schwanenlosen Entenhöfen?

Anonym erschien ein Piet Hein Gedicht am 13.05.1938 in der Tageszeitung 'Politiken' unter der Rubrik 'Von Tag zu Tag', zwei Jahre, bevor er sie unter dem Pseudonym Kumbel Kumbell veröffentlichte. Das Gedicht wurde später als Gruk verwendet. (Vignette: Axel Nygaard)

Das Grand Hotel ist ein abscheulicher Ort,
aber hat eine sehr gute Lage.
Sie seh'n auf Schloß Stockholm immerfort
bei Nacht und auch bei Tage.

Den Schweden König im Fenster sie sehn,
gebeugt vor Gram und Schande
kann er in Schloss Stockholm kaum gerade stehn,
denn er starrt hinüber zum Grande.

Obwohl Poesie einen Ehrenplatz in Piet Heins Schaffen einnimmt, hat er auch Herausragendes in anderen Bereichen geleistet. 1947 veröffentlichte er ein kleines Buch "Der Helikopter", weil er sich so für dieses neue Fortbewegungsmittel interessierte, dass er sich mit dessen komplexer Technologie vertraut machte. Im Juni des gleichen Jahres landete er in einem der ersten Helikopter, die nach Dänemark kamen. Teile des Buches sind zugegebenermaßen ein wenig speziell, aber dank der enthusiastischen und lebhaften Darstellung ist es sehr vergnüglich zu lesen.

Ein besonderes Buch ist sein 'Vis electrica' aus dem Jahr 1962. Es ist eine Festschrift, die die Issefjord Power Station Electricity Company veröffentlichte und, obwohl der Großteil des Inhalts wissenschaftlicher Natur ist, auch seine humanistische Einstellung zum Vorschein bringt. Zwischen die fachlichen Abschnitte fügte er nämlich Gedichte und Gruks ein, während das Bildmaterial aus einigen hervorragenden Farbabbildungen von Arne Ungermann bestand. Der meiste Text hat naturgemäß mit der Nutzung von Elektrizität zu tun. Stärker diversifiziert seine bislang einzige echte Sammlung von Essays mit dem Titel 'Kilden og Krukken' (Die Quelle und der Krug), die im Jahr 1963 erschien. Sie enthält kleine Stücke, die er Fabeln nennt und die an Johannes V. Jensen Mythen erinnern, und viele andere, sehr unterschiedliche Beiträge, darunter einige der Reden, die er im Laufe der Jahre bei verschiedenen offiziellen Anlässen gehalten hat. Zum Beispiel an der Technischen Universität Dänemark, der Akademie für Bildende Künste und als Neuling im Ehrenamt in Oslo. Das zentrale Thema in den meisten seiner Reden war sein Engagement für die Ideale der Organisationen, bei denen er - wie bereits erwähnt - ein aktives Mitglied war - und die alle seine Gedichte charakterisieren. Ein Hauptteil des Buches heißt 'Technocy and Cultism'. Er befasst sich mit der unglücklichen Trennung zwischen wissenschaftlich-technischer und humanistisch-kultureller Lebensanschauung - einem Problem, das weltweit die Gemüter der führenden Kreise bewegt.

Zu einem Interviewer, der sich überrascht ob der Vielseitigkeit von Piet Hein zeigte, sagte er, dass er sich - im Gegenteil - selbst als ziemlich einseitig erachte, ausgestattet nur mit einer speziellen Art von Phantasie. Das ist eine bescheidene Charakterisierung seiner besonderen geistigen Veranlagung, die unbestreitbar sehr ungewöhnlich war. Bemerkenswert war in erster Linie seine Fähigkeit, Dinge in einem völlig neuen Licht zu sehen - so, als würde man hinter sie blicken. Es ist vermutlich seine Freiheit von der traditionellen Sichtweise auf die Dinge, die der Ausgangspunkt für sein Talent als Erfinder war. Aber, dass er in der Lage war, in vielen Bereichen auch außerhalb der Wissenschaft mit sehr fruchtbaren, neuen Ideen zu überzeugen, liegt daran, dass er sich den Problemen von einem soliden Fundament in der Kultur näherte. Damit war er selbst ein Beispiel für die Verschmelzung der zwei Lebensansichten, die so so bitter nötig ist.  Aber es liegt auch daran, dass er zuallererst ein Dichter war.


KNUD MEISTER - JEDES JETZT IST NEU - PIET HEIN

PIET HEIN ZUM 80. GEBURTSTAG AM 16.12.1985

Die Tatsache, dass er jetzt 80 ist, ist so unglaublich, dass es am sinnvollsten ist, so zu tun, als sei es unwahrscheinlich.

Einerseits wird in Kraks 'Who is Who' behauptet, dass HEIN, Piet, Autor, am 16. Dezember 1905 in Kopenhagen als Sohn des Diplom-Ingenieurs Hjalmar Hein (gest. 1922) und der Augenärztin Estrid Hein (gest. 1956) geboren wurde. Auf der anderen Seite wird er immer noch von einer jungenhaften Neugierde angetrieben, herauszufinden, was das Innere der Dinge ausmacht. Und das ist nichts, was üblicherweise bei Menschen zutrifft, die 80 werden. Auf einer weiteren Seite ist sein künstlerisches und wissenschaftliches Schaffen so umfangreich, dass es wahrscheinlicher ist, dass er weder 80 noch 160 sondern 240 Jahre alt ist. So werden wir uns an den 16. Dezember halten und lassen das Jahr 1905 annehmbar erscheinen aber absolut undokumentiert.

Als er 70 wurde äußerte ein begeisterter und ahnungsloser Drucker den Wunsch, eine inspirierte Rede zu vervielfältigen, die Piet Hein hielt, nachdem er im Rathaus von Kopenhagen mit dem Honorary Craftsman of the Year Award ausgezeichnet wurde. Die anvisierte, bescheidene Drucksache mutierte allmählich zu einer kompletten Anthologie mit dem Titel 'Menneskesag' (Menschenssache). Piet Hein rief mich eines Abends kurz vor Mitternacht an und fragte, ob ich diese bearbeiten wolle. Er versprach mir im Gegenzug, dass ich nicht einen Cent für meine Mühen erhalten würde. Da habe ich natürlich zugestimmt.

Die Vereinbarung wurde in jedem Detail eingehalten.
Ich erinnere mich, dass ich ihn in einem unserer Vorbereitungstreffen fragte, wie es sich anfühlte, 70 zu sein und erhielt die Antwort: "Zeit wird nur zum Kochen von einem Ei verwendet." Als ich acht Jahre später selbst 70 wurde, waren diese meisterlichen Worte ein großer Trost für mich.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Piet Hein zum ersten Mal sah, als er die Bühne des Folketheaters betrat, um eine poetische Hommage auf die Schauspielerin Petrine Sonne anlässlich ihres Jubiläums vorzutragen. Er schloss mit den Worten: "... und das, das ist, warum wir Petrine lieben!", woraufhin er der kleinen, alten Dame eine dicke Umarmung gab. Sie war erschrocken und hatte keine Ahnung, wer der Lyriker und Umarmer war. Aber sie entnahm dem warmen Applaus des Publikums, dass wir es  wussten, und zudem festgestellt hatten, dass der junge Mann ausreichend talentiert war, um unsere Bewunderung für die Jubilarin zum Ausdruck zu bringen.

Das war zu der Zeit, als Piet Hein unter dem Pseudonym Kumbel Kumbell in der Zeitung Politiken unter der Rubrik 'Just Think' erschien. Die Nazis hatten das Land besetzt und nahmen Witze sehr ernst, wenn auch nicht in jeder gewünschten Art und Weise, während der Rest von uns eine geistige Oase im Luftschutzkeller des Humors suchte. Wie genial wir waren. Später verzichteten wir auf diesen Einfallsreichtum, als unsere Wohltäter in beleidigter Ernsthaftigkeit versuchten, die ideale Gesellschaft zu schaffen.

***

Dieser Artikel ist weder eine Art von 'Gesta Danorum', noch in irgendeiner Weise eine Piet Hein-Biographie. Er ist einfach da, um einen besonderen Geburtstag durch fragmentarische Erinnerungen an eine Person zu ehren, die sich in so hohem Maße von anderen unterschied, dass jeder von uns etwas von sich in ihr wiedererkannte. Bei genauerem Hinsehen wird dieses Paradox spürbar, auch weil Piet Hein uns großzügig an seinem Gegenbeweis der Existenz hat teilhaben lassen und das auf eine Weise, die uns erlaubt, beständig zu nicken in Anerkennung von Gedanken, die wir nicht gehabt, aber um unserer selbst Willen gern gedacht hätten.

Unsere angenehme Erfahrung von Wiedererkennung basiert natürlich auf der Tatsache, dass Piet Heins Worte bis dahin eingesperrte Wahrnehmungen freiließen, die so typisch dänisch waren, dass sie auf der ganzen Welt zu finden sind. (Diese Beziehung zwischen national und  international ist auch etwas, auf das er überzeugend hingewiesen hat.)

Alle Künstler stützen ihre Kunst auf persönliche Modelle, die es ermöglichen, dass ihre Arbeiten ohne Schwierigkeiten erkannt werden. Daran ist nichts Ungewöhnliches. Brahms und Haydn und Wagner und Gershwin sind von jedermann, der Ohren hat, zu erkennen - und wer kann einen Picasso, einen Miró, Braque oder einen Matisse verwechseln?

Piet Heins Kunst ist nicht nur charakteristisch für seine intelligente Klarheit, sondern auch für den Spiegeleffekt, der nicht nur rechts und links umkehren kann, sondern auch oben und unten. Der Vers, der mit Recht der 'Original Gruk' (ab April 1940) genannt wird und sich mit der Komplementarität des Unseriösen und Seriösen beschäftigt, gibt den Ton dessen vor, was wir anschließend erwarten konnten.

Piet Hein war ein virtuoser (was in diesem Zusammenhang 'intuitiver'  bedeutet) Benutzer dieses Modells in Gesprächen. Als ich ihm einmal sagte, ich hätte irgendwo gelesen, dass Graham Bell der erste Mann war, der das Wort "Hallo" sagte, entgegnete Piet Hein: "Ja, und nachdem er das Wort erfunden hatte, wurde er auch verpflichtet, eine Maschine zu bauen, wo er es verwenden könnte, und so erfand er das Telefon!"

Ich erinnere mich an einen Brief, den er mir von einem internationalen Kongress schickte, auf dem er einen Vortrag halten sollte. Er schrieb unter anderem: "Es ist so herrlich, Fragen zu seinen Antworten zu bekommen."

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Es wäre traurig für mich, wenn man das bisher Gesagte so auslegte, als ob ich glaubte, dass Piet Hein das Paradoxe einfach sucht und pflegt. Seine Methode ist in der Tat rein wissenschaftlich, und der Zweck des Gegenbeweises ist, das Bewusstsein zu fördern und den 'jeweiligen Gegenstand' dazu zu bringen, sein Geheimnis zu lüften.

Mit breitem Grinsen erinnere ich mich an die Zeit, als er und ich am ersten Kurs für TV-Produzenten in Dänemark teilnahmen. Er wurde von dem Pionier Jens F. Lawaetz abgehalten und durch die Kinderschuhe, in denen das Fernsehen steckte, sowie Lawaetz' nie zugegebe Unsicherheit dem neuen Medium gegenüber geprägt.  Darüber hinaus waren wir ein übler Haufen von Individualisten mit Meinungen, die so hahnebüchen waren, wie sie nur sein können, wenn man von etwas keine Ahnung hat.

Fast schulde ich es der dänischen Kulturgeschichte ein paar weitere Teilnehmer des Kurses zu erwähnen: Gabriel Axel, Ib Koch Olsen, Inger Lassen, Bjørn Rasmussen, Palle Koch ... und natürlich, Piet Hein, der  wirklich der friedlichste von uns war. Wenn wir, während einer der vielen Auseinandersetzungen mit den staatlichen TV Behörden, behaupteten, dass die Dinge so oder so zu sein hätten, dann war es egal, wie viel wir riefen, denn wenn Piet Heins ruhige Stimme zu hören war, die sagte: "Nun, in diesem Fall könnten wir genauso gut singen." es hätte eine beruhigende Wirkung - auf mich jedenfalls.

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Wo ich gerade dabei bin, sollte ich erwähnen, dass wenn man von dem, was ich gerade gesagt habe, darauf schliesst, dass Piet Hein die friedlichste und entspannteste Person auf dieser Erde ist, wir vielleicht von vorn anfangen müssten. Viele Leute finden ihn schwierig, auch weil er keine Meinung übernimmt, die unvereinbar mit seiner eigenen Sicht der Dinge ist. Es gibt nichts Oberflächliches an ihm, im Gegenteil, und wie alle starken Einzelgänger verschwendet er keine Zeit, um seinen eigenen Standpunkt zu bezweifeln.

In einem Gruk äußert er sich darüber, das man seinen eigenen Anschaungen treu bleiben sollte, und das ist auf jeden Fall eine Maxime, die er sein ganzes Leben lang befolgt hat. Abgesehen davon ist er nicht besser oder schlechter als der Rest von uns. Ich fragte ihn kürzlich, ob er sich verpflichtet fühlte, den weltklugen Rat zu befolgen, den er der ganzen Welt mit seinem großartigen Sinn für Form erteilt hatte. Er lächelte und war natürlich in der Lage, sich selbst in Bezug auf die liberale Umsetzung zu zitieren: "Ratschlag für das Leben, den man nicht selbst befolgt."

Aber wenn man sich eine kurze Zeit mit seiner Art des Menschseins (und das ist sicherlich in einer Geburtstagrede zugelassen) befasst, denkt man an die Beschreibung, die er als Grund für seine plötzlichen, scharfen Entgegnungen anführte. Die Beschreibung lautet:"Der Teufel Schlagfertigkeit."

Dieser trat z.B. zu Tage, als er eines Tages an einem Antiquitätengeschäft im Zentrum von Kopenhagen vorbeikam, und die Dame, die das Geschäft leitete, in der Tür stand und ihm zunickte. Nachdem er ein paar Schritte weitergegangen war, blieb er stehen, ging zurück und sagte:"Ich bin sicher, ich kenne Sie, aber ich bin so schlecht mit Gesichtern und Namen. Wollen Sie mir nicht sagen, wer Sie sind? Sonst werde ich den Rest des Tages damit verbringen, mir darüber Gedanken zu machen."
Die Dame antwortete:"Nein, Sie kennen mich nicht, aber ich dachte für einen Moment, dass Sie Piet Hein sind." Und da erschien in Piet Hein der Teufel Schlagfertigkeit und er sagte:"Ach, das ist mir neu, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich besser aussehe als er." Daraufhin erwiderte die Dame empört und mit erhobenem Zeigefinger:"Sagen Sie nichts gegen ihn. Sie sollten sich wünschen, Sie hätten sein Gehirn!" Und der Teufel trat erneut in Aktion und Piet Hein antwortete:"Vielen Dank, aber ich werde mich mit meinen eigenen begnügen!" - und setzte seinen Weg fort.

Als er mir die Geschichte erzählte, sagte er:"Es könnte als unfreundlich angesehen werden, wenn sie die Wahrheit entdeckt, aber es war unwiderstehlich, denn der Witz war so offensichtlich." Die Geschichte hatte aber noch eine Steigerung. Ein paar Tage nach diesem Schlagabtausch kam er wieder an dem Geschäft vorbei und die Dame kam heraus und sagte, noch einmal mit einem erhobenen Zeigefinger, aber dieses Mal mit einem breiten Lächeln:"Jetzt habe ich es kapiert!"

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DAS KOMPLEMENTARITÄTS MODELL
Piet Heins Modell der Komplementarität oder wie ein Kollege von Niels Bohr sagte: "Es erklärt die Komplementarität zu Niels Bohr."

Ein Mann sagte mir kürzlich, dass er überrascht war, dass Piet Hein seinen Weg in der Atomphysik nicht fortgesetzt hat. In der Zeit, als er am Niels-Bohr-Institut gearbeitet hat, zeigte er recht ungewöhnliche Fähigkeiten, und er wäre ein exzellenter Wissenschaftler geworden.
Ich erzählte es Piet Hein, und er antwortete:"Ich glaube tatsächlich, dass ich auch ein Ökonom oder Schachspieler hätte werden können, aber nicht zur gleichen Zeit. Es sind die gleichen Talente involviert, aber sie müssen kanalisiert werden."

Und ein wenig später fügte er hinzu:
"Ich bin wohl eine Art Spezialist, aber mein Spezialistentum geht über die traditionellen Fachgrenzen hinweg, die mich von Experten unterscheiden. Aus den Diskussionen in der internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, die ich die 'zehn Weisen - und ich' nenne, habe ich viele Freunde gewonnen, denn wir haben uns mit der Möglichkeit beschäftigt, Brücken zwischen den Wissenschaften zu bauen. Die Vernetzung der Dinge war schon immer sehr wichtig für mich."

Aus dem gleichen Grund war er in viele verschiedene wissenschaftliche Kreise involviert. Einmal wurde er zu einer internationalen astronomischen Versammlung eingeladen, die in Rom stattfand. Auf dem Programm stand auch eine Audienz bei Papst Pius XII.
Bevor die Kongressteilnehmer an der Reihe waren, wurde eine Gruppe von katholischen Pilgern in den Audienzsaal gelassen. Piet Hein stand so unglücklich, dass die begeisterten Pilger ihn in Richtung des Papstes schoben. Daraufhin befreite er sich zornig von ihnen, und dies überraschte Pius XII offenbar, denn er folgte ihm zu einer Fensternische, wo der Papst und Piet Hein ein kurzes Gespräch hatten.

Anschließend fragten ihn die anderen Kongressteilnehmer: "Wie ist es gelaufen? Wollte er ein Autogramm haben?" Nun, es sind noch seltsamere Dinge passiert. Einmal, als Charlie Chaplin eine seiner schönnen Töchter verheiratete und die Hochzeit in seinem großen Haus am Genfer See ausrichtete, wurde Piet Hein eingeladen. Während er beim Abendessen zwischen einer beeindruckenden Reihe von Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst saß, kam ein gepflegter Mann zu ihm, der ihn lobte und von der Freude sprach, die er aus der Lektüre der englischen Gruks (veröffentlicht vom Massachusetts Institute) gezogen hatte. Als der Mann zu seinem Platz zurückgekehrt war, wandte sich Piet Hein an seine Tischnachbarin und fragte:"Wer um alles in der Welt war diese charmante Person?"
"Wissen Sie das denn nicht?" rief die Dame."Das ist der Filmschauspieler James Mason." Und der Teufel Schlagfertigkeit hockte mal wieder auf Piet Heins Schulter, denn er antwortete:"Nun, ist das nicht großartig? Es gibt nur Weltstars hier - und ich bin die einzige Person, die alle kennen!"

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Ich bin davon überzeugt, dass seine schnelle und manchmal bissige Schlagfertigkeit eine defensive und nicht eine beleidigende Absicht verfolgte. Es muss aber auch daran erinnert werden, dass Humor etwas ist, über das manche Menchen nicht lachen, während andere das Leben unausstehlich finden, wenn es nicht von Humor gewürzt und erhellt wird.

G.K. Chesterton hat sich damit auseinandergesetzt und festgestellt, dass er beim besten Willen nicht versteht, warum eine Wahrheit weniger wahr ist, wenn man versucht, sie in amüsanter Weise zum Ausdruck zu bringen.

Die Kopenhagen Art Gallery organisierte eine Ausstellung mit dem Titel 'Piet Hein in Wort und Raum'. Dort traf Piet Hein den Direktor eines großen schwedischen Unternehmens. Die Komplimente, mit denen ihn der Schwede überhäufte waren gut gemeint, aber es war schwer, darauf zu reagieren, vor allem als dieser sagte:
"Nachdem ich die Hand eines so berühmten Mannes geschüttelt habe, kann ich mir diese eigentlich nicht mehr waschen." Piet Hein antwortete darauf:"Wenn Sie dies doch einmal getan haben, will ich ich ihre Hand gern erneut schütteln."
Ich kenne viele Leute, die solche Äußerungen als Beweis für Arroganz sehen. Diesen widme ich das Folgende:
Das Labor für Psychologie an der Universität von Kopenhagen benutzte Piet Hein einmal als Versuchskaninchen. Sie beschäftigten sich mit den unterschiedlichen Wegen, auf denen verschiedene Menschen Dinge und Bewegung wahrnehmen. Das Experiment wurde mit Hilfe von unterschiedlich farbigen Scheiben durchgeführt, die sich mit wechselnder Geschwindigkeiten drehten. Die Teilnehmer des Experiments sollten dabei ihre Wahrnehmung beschreiben.
Später sprach Piet Hein über diese Erfahrung mit selbstironischem Stolz:"Ich war derjenige, der am meisten erlebte. Das war auf jeden Fall das, was die Psychologen behaupteten. Und es stimmt, dass ich mit meinen Erlebnissen neun Seiten in dem wissenschaftlichen Protokoll füllte. Der nächstbeste füllte nur sieben Seiten und er musste direkt abgeholt werden aus der Nervenheilanstalt Sankt Hans und nach dem Experiment sofort wieder dorthin gebracht werden!"

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Man muss dafür zahlen, ein Einzelgänger zu sein. Der Preis beinhaltet ein größeres oder kleineres Maß an Einsamkeit, und viele von denen, die es leicht finden, die Arbeit des Einzelgängers zu bewundern, sind unfähig, die Voraussetzungen der damit erzielten Ergebnisse zu akzeptieren.

Da war einmal ein Mann einer Bekannten, der mir nicht ohne Stolz erzählte,  dass er während eines Gesprächs mit dem Reeder A.P. Møller erwähnte, dass es gerade die Dezimalstellen-Menschen seien, die große Einzelgänger groß machten. Ich fragte ihn: "Was hat A.P. Møller darauf geantwortet?"
"Er lächelte, sagte aber nichts." "Nein, genau", bemerkte ich, aber meine Antwort erreichte den Dezimalstellen-Mann nicht.

Selbst wenn es dazu käme, hat der Einzelgänger nicht wirklich das Recht, verstanden zu werden. Er erwartet es auch nicht. Er ist mit seiner respektvollen Beziehung zu seiner Aufgabe zufrieden. Sie ist der Boss. Wenn Piet Hein uns rät, unseren Überzeugungen treu zu bleiben, sagt er dies mit einer gewissen Autorität und entsprechend seiner eigenen Arbeitsauffassung:"Ich habe immer schon alle Schwierigkeiten inkludiert."

Im Grunde ist genau dieser Aspekt der Beitrag des Künstlers und Wissenschaftlers, den die Nachkommastellen-Menschen nicht verstehen. Zu schreiben ist wahrscheinlich der einsamste Job der Welt. Mein großartiger Chef für mehr als zwanzig Jahre, Henry R. Luce, Erneuerer des American  Magazine und ein Journalist mit einem unstillbaren Hunger nach guter Qualität, sagte einmal bei einem unserer Gespräche:

"Nun, da ist die Schreibmaschine und da das Papier und da sind Sie - und niemand auf der Welt kann Ihnen helfen!"

Piet Hein hat das Wesen der Kunst und seine Anforderungen in meisterlicher Weise beschrieben und zwar sowohl, als er in einem Gruk meint, dass der zentrale Unterschied zwischen Schriftstellern zwischen ihren geschriebenen Zeilen liegt, als auch mit seiner Auffassung von Kunst: "Kunst ist die Lösung für Aufgaben, die nicht genau formuliert werden können, bevor sie gelöst sind."

Zu dieser Art von Wahrnehmung gelangt man nicht, indem man den Weg des geringsten Widerstandes geht oder durch den Versuch, ein beliebter Mann in einer Wünsch-dir-was-Sendung zu werden. Die Aufgabe ist der Chef, und die Aufgabe ist unerbittlich. Aber der wahre Künstler erkennt, dass die Schwierigkeiten unvermeidlich sind. Piet Hein formulierte einmal in einer Rede vor jungen Handwerkern:

"Man muss ein Material wählen, das "Nein" sagen kann!"

Dies trifft zu, wenn er zeichnet. Es trifft zu, wenn er schreibt. Kein Material ist hartnäckiger als die Sprache (und er hat sich nicht nur mit einer begnügt, sondern es geschafft, mit großem Erfolg Gedichte in den Sprachen der Welt  zu schreiben). Es trifft natürlich in erster Linie zu, wenn er sich mit wissenschaftlichen Problemen auseinandersetzt, sei es in den Natur- oder Geisteswissenschaften.

Genau wie die Person, die ein bisschen näher an den echten Mann herankommt (Weiter kommt man nicht!) realisiert, dass viele Emotionen hinter dem kontrollierten Äußeren toben, spürt man in seinen Gedichten  hinter der prägnanten und klaren Form ein tiefes menschliches und konstruktives Verständnis und Einfühlungsvermögen. Ich habe ihn nie dabei erwischt, einen Reim zu bilden, um etwas zu überbrücken. Jedes Wort in seinen Versen hat eine Funktion und Bedeutung - und ist daher unverzichtbar.

Bei der Lektüre seiner Werke besteht die Gefahr, dass die Form einen so bannt, dass man ein schlechter, oberflächlicher Leser wird. Die wichtigen Dinge aber findet man zwischen den Zeilen.

Selbst einige der prominentesten Intellektuellen, die Piet Hein im Laufe der Jahre gelobt haben, hatten die Neigung, sich auf seinen außerordentlichen Sinn für Form zu konzentrieren - und der Himmel weiß, dieser ist beeindruckend genug. Aber wenn der wichtige norwegische Verleger und Schriftsteller Henrik Groth erklärt, dass Zärtlichkeit und Liebe genauso wichtige Zutaten bei Piet Hein sind wie Witz, dann ist dies eine wahrhaft umfassende Charakterisierung.

Mit weiblicher Intuition beschrieb Astrid Lindgren Piet Hein nicht nur als witzigen, abgeklärten und philosophischen Humoristen, sondern auch als einen grenzenlosen Naturliebhaber.

Hier in Dänemark haben die Autoren Piet Heins Poesie wenig Aufmerksamkeit geschenkt, aber es ist ja auch nicht besonders amüsant zu sehen, dass ein Landsmann und Kollege weltberühmt wird. Darüber hinaus wurde Piet Heins poetisches Lebenswerk Teil des dänischen nationalen Erbes und zwar in einem solchen Ausmaß, dass es nicht wirklich etwas gibt, das ein Kriktiker noch hinzufügen könnte.

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Die 'Student Association' in Kopenhagen ernannte ihn zum Ehrenmitglied, ebenso die studentische Verbindung der Wissenschaften und der Verein zur Förderung von Erfindungen. Der Verband der Handwerker in Kopenhagen ernannte ihn zum Ehren-Handwerker und er wurde außerordentliches Mitglied der 'Royal Copenhagen Shooting Society' und der dänischen Gilde.

Die norwegische Künstlervereinigung und die 'Freunde von Limericks' verliehen Piet Hein die Ehrenmitgliedschaft. Im Laufe der Jahre erhielt er den Ehrendoktor der Yale Universität, USA. Dies war eine weitere von vielen Ehrungen.
Nicht weniger ehrenvoll war die Tatsache, dass große, wissbegierige Köpfe sich ihm anvertraut haben. Er besuchte Albert Einstein in Princeton. Er reiste durch Irland mit Charlie Chaplin. Er war Berater für den großen Denker Norbert Wiener, der in seinem Buch 'Gott und Golem, Inc.' (Ein Titel, den Piet Hein vorschlug) eine Abhandlung über die kognitiv-theoretischen Faktoren der Wissenschaft vorlegte, die Computern zugrunde liegen.

Er war auch sehr eng mit vielen anderen brillanten Köpfen seiner Zeit verbunden. Und es tut gut, von ihm zu hören, wie diese großen Persönlichkeiten tickten, nämlich - natürlich - äußerst menschlich.

Während eines Besuchs bei Albert Einstein in dessen Institut, begann eine Diskussion, die beträchtliche Zeit andauerte. Schließlich sagte Einstein:

"Lassen Sie uns zu mir gehen und einen Tee zusammen trinken, dann können wir das noch vertiefen".

"Gehen?", fragte Piet Hein, und fügte hinzu: "Mein Taxi wartet draußen".

"Oh, wie schade", rief Einstein. "Ich hatte mich so gefreut, zu Fuß zu gehen."

Piet Hein wand ein, dass es natürlich nicht unmöglich war, zu Fuß zu gehen, obwohl ein Taxi draußen wartete, aber der große Professor schüttelte seine weiße Haarmähne.

"Es ist eine psychologische Unmöglichkeit", sagte er mit einem feinen Lächeln.

Sadruddin Aga Khan hatte Piet Hein in sein Château de Bellerive am Genfer See eingeladen. Von dort erhielt ich einen Brief von Piet Hein, in dem er schrieb:
"Es gibt hier eine große Zahl von nubischen Dienern und 5-6 Autos, die zu meiner Verfügung stehen. Ich schlafe jede Nacht auf einer Wolke aus rosa Zuckerwatte. Die Kultur von mehreren Kontinenten spiegelt sich hier wider und tatsächlich habe ich einen ganzen Tag gebraucht, um mich an all diesen Luxus zu gewöhnen!"

Er hatte Pläne, den Aga Khan und Charlie Chaplin zusammen zu bringen, das war aber nicht möglich, da sich der Prinz auf einer Reise befand, die länger als erwartet dauerte. Piet Hein fuhr in einem der großen Autos auf die andere Seite des Genfer Sees zu einem gemeinsamen Abendessen mit Chaplin und seiner Frau Oona. Es war ein Dienstag und an diesem Tag hatten alle achtzehn Diener der Familie Chaplin ihren freien Tag. So musste Oona Chaplin die Mahlzeit selbst zubereiten. Bei Tisch war die Rede von dem verschobenen Treffen mit dem Prinzen und Chaplin sagte: "Naja, ich bin wirklich nicht gerne Gast bei so reichen Menschen."
Piet Hein hob sein Glas, prostete seinem Gastgeber zu und sagte: "Stell dir vor, ich habe überhaupt nichts dagegen!"
Eine Antwort kann in sich eine ganze Geschichte sein, und die Anekdote ist eine sprechende Illustration. Was von zentraler Bedeutung ist, dass die Botschaft rüberkommt.

Als Albert Einstein zum Beispiel einmal zu Piet Hein sagte, dass Phantasie wichtiger sei als Wissen, hat er etwas Grundlegendes angesprochen. Er führte seine Idee mit den Worten aus:"Kenntnis engt oft das Denken ein, aber die Phantasie denkt oft richtig, dass da mehr ist und dass alles ganz anders sein könnte."

Und Norbert Wiener beschrieb die Situation, in der er sich einst auf einem Symposium befand, wie folgt. Er sagte:"Ich fühlte mich wie ein Löwe in einer Höhle voller Daniels."

Der Teufel Schlagfertigkeit meldete sich auch einmal, als gerade jeder mit der Tatsache beschäftigt war, das der Kleinen Meerjungfrau der Kopf abgesägt worden war. Während eines Mittagessens mit Sadruddin Aga Khan im Außenministerium fragte der Aga Khan, ob besondere Maßnahmen ergriffen worden seien, um sicherzustellen, dass dieser Akt von Vandalismus sich nicht wiederholen würde.
Niemand hatte eine Antwort auf diese Frage bis Piet Hein sagte: "Wahrscheinlich nicht. Aber immerhin haben wir ein riesiges Angebot an hohlen Köpfen in diesem Land!"

Diese Episode veranschaulicht passend Piet Heins eigene Worte:

"Ich glaube an den großen moralischen Wert, zur richtigen Zeit etwas Falsches zu sagen!"

Apropos, er hat mir auch von einer anderer Situation erzählt, in der er diese Überzeugung praktizierte. Als Vierzehnjähriger war er zur Geburtstagsfeier eines Schulfreundes eingeladen, dessen Vater ein Wissenschaftler und überzeugter Antisemit war. Am Partytisch enthüllte der Professor seine unangenehmen Sichtweisen und als er für einen Moment pausierte sagte Piet Hein:
"Ich bin zu einem Sechzehntel jüdisch, by the way. Gerüchte besagen, dass ich einen unehelichen Ur-Ur-Großvater habe, der ein Jude war."
Es folgte, was Piet Hein selbst als die 'weltweit zweitlängste Stille' beschrieb, worauf der Professor seine Überzeugung mit den Worten verdeutlichte:"Das ist genau die richtige Fraktion."
Der junge Piet Hein bemerkte seinerseits:"Sie glauben also, dass meine Mutter zu viel davon hat."
Nichts mehr (so Piet Hein, der mir die Geschichte erzählt hat) wurde an diesem Tisch gesprochen.

***

Und während wir über die Familie sprechen, schulden wir es der Hein-Saga, auch über den niederländischen Admiral Piet Hein zu sprechen, der im Jahr 1628 eroberte, was als die spanische Silber-Flotte bezeichnet wurde: ein Konvoi beladen mit erstaunlichen Reichtümern, die der Erzfeind der Niederlande, nämlich Spanien, in Mexiko gestohlen hatte. Als der Seeheld nach dieser großartigen Leistung nach Hause zurückkehrte, sagte seine Mutter als erstes zu ihm:"Piet! Haben Sie daran gedacht, Ihre Füße auf der Matte abzuputzen?"
Also was nützt es einem Admiral, dass er eine Silber-Flotte erobert hat, wenn er den Teppich seiner Mutter beschmutzt?
Die Geschichte hat deshalb einen erheblichen Einfluss auf die Haltung der gesamten Familie zum Leben. Von noch größerer Bedeutung für unseren Piet Hein war aber das Grundprinzip des Admirals:
"Man muss seinem Schicksal zeigen, dass man sich nicht erweichen lässt - dann lässt es sich erweichen!"
Von Zeit zu Zeit haben Genealogen behauptet, dass Admiral Piet Hein kinderlos starb.
"Es gibt natürlich Grenzen für das, was man von seinen Vorfahren verlangen kann," sagt Piet Hein heute, "aber man kann in aller Bescheidenheit erwarten, dass er nicht kinderlos starb. Das würde mir doch ein komisches Gefühl geben!"
Der alte Admiral wurde in Het Oude Kerk (die alte Kirche) in Delft beigesetzt. Sein Sarkophag liegt in einem Marmor-Tempel an der Stelle, wo in Kirchen normalerweise der Altar ist. Piet der Jüngere sagte:
"Hier liegt er in Marmor auf dem Rücken, auf einer Marmor-Matratze und mit seinem Spitzbart ähnelt er mir in der Weise wie ein Q einem O ähnelt!"

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Als ich vor kurzem mit Piet Hein über seinen bevorstehenden Geburtstag sprach, machte er eine für ihn sehr charakteristische Bemerkung, nämlich, dass er das Gefühl habe, sein Lebenswerk hätte gerade erst begonnen und dass er erst ein Prozent von dem, was er eigentlich tun solle getan habe.

Solche Aussagen lassen mich daran zweifeln, wie er ein solch hohes Alter erreichen konnte. Neben seinem unermüdlichen Wissensdurst und seiner einzigartigen Fähigkeit, Gedanken verständlich zu machen und Wahrheiten zu formulieren, hat er noch den jugendlichen Drang, Dinge zu erleben, die jeden Tag neu und wertvoll machen - ein neues Stück im großen Puzzle.

Er hat gesagt, dass er tatsächlich ein bisschen eifersüchtig auf seine Gruks sei, weil viele Menschen dadurch von den anderen Dingen, die er auch noch gemacht hat, abgelenkt wurden. Aber da braucht er sich keine Sorgen zu machen. Seine philosophischen Schriften, seine wissenschaftlichen Beiträge, seine Zeichnungen und sein ausgezeichnetes Talent als Designer werden weiterhin Respekt und Bewunderung zuteil

Aber ein Gruk ist so wunderbar leicht zu merken!

Bewusst - und mit einem beträchtlichen Maß an kalkuliertem Aufwand - habe ich darauf verzichtet, in diesem Mosaik von Anekdoten eines von Piet Heins Gedichten zu zitieren. Dies liegt daran, dass ich - wie ein schlechter Fußballer - auf den Mann statt auf den Ball gehen wollte.

Aber ein kleiner Vers muss hier noch vorgestellt werden, weil er sich mit der Fähigkeit des jungen 80-jährigen beschäftigt, das Leben immer mit Augen zu sehen, die sowohl neu als auch erfahren sind. Er geht so:

Wie hell, wie klar
jeder Tag beginnt,
jedes Jetzt ist neu,
wenn Sie es auch sind.

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Im Jahr 1978 veröffentlichte das dänische Außenministerium eine Studie, die den schlechten Wissensstand der Welt über Dänemark offenbarte. Unter anderem ergab eine Gallup-Umfrage in England, dass keine 16% eine Ahnung haben, dass Dänemark überhaupt Industrie hat. Das Außenministerium und der Industrierat baten Piet Hein, einen Film über Dänemarks Rolle in der Welt zu drehen, der sich insbesondere der Industrie widmen sollte.

Für die Eröffnungsszene des Films entwarf Piet Hein seine später so berühmte 'Dänemark Welt', wo Dänemark fast eine ganze Seite des Globus ausfüllt und einen Anhänger, wo Dänemark nur ein winziger Punkt auf dem europäischen Kontinent ist. Ersteres stellte dar, wie die Dänen ihre eigene Bedeutung in der Welt sahen, letztere, wie andere Länder das sahen. Oder, wie Piet Hein im Film klar macht, dass man wahre Größe in Dänemark mit verschiedenen Maßstäben beurteilt: Gemessen an Rohstoffen, Energiequellen und Freizeitangeboten sind wir quantitativ klein, gemessen an der Verarbeitung von Rohstoffen und der Entwicklung von Innovationen sind wir qualitativ gemessen groß.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Birgit Meister / © Knud Meister.
ISBN: 87-418-7659-8
Borgen Verlag


MARTIN GARDNER - DIE FREIZEIT-MATHEMATIK DES PIET HEIN

Zwei große Freuden meines Lebens waren, Piet Hein kennenzulernen und das Privileg zu haben, über einige seiner mathematischen Abhandlungen berichten zu dürfen, als ich eine monatliche Kolumne zur mathematischen Unterhaltung für die Scientific American schrieb.

Mein erster Kontakt mit Piet Hein war per Brief, als ich mich über sein klassisches Brettspiel namens Hex informierte. Meine Kolumne über Hex wurde in der amerikanischen Scientific (Ausgabe Juli 1957) veröffentlicht. Später wurde das erste Buch, eine Sammlung von Kolumnen, 'The Book of Scientific American Mathematical Puzzles and Diversions' gedruckt. Die Kolumne regte viele technische Papiere an, die das Spiel analysierten. Es bleibt aber ungeklärt, warum noch keine Strategie entwickelt wurde, mit deren Hilfe der zweite Spieler stets gewinnen kann und zwar auf Spielbrettern größer als die kleinste Größe. Es gibt einen klugen Beweis des amerikanischen Spieltheoretikers John Nash (der unabhängig von Piet Hein das Spiel erfand, nachdem es schon viele Jahre in Dänemark gespielt wurde), dass der zweite Spieler immer gewinnen kann. Unglücklicherweise erhellt dieser Beweis nicht, wie dies gelingt.

Meine zweite Kolumne über Piet Hein erklärte ein Spiel, das in Dänemark  Bulo hieß. Es verwendet eine quadratische Anordnung von sechzehn Steinen. Ein Spieler darf in seinem Zug eine beliebige Anzahl von benachbarten Steinen aus einer beliebigen Reihe oder Spalte entfernen. Verloren hat der Spieler, der gezwungenermaßen den letzten Stein nehmen muss. Die Kolumne erschien in der Ausgabe vom Februar 1958 und ist auch im ersten Buch der Kolumnensammlung enthalten. Es hat sich gezeigt, dass der zweite Spieler bei der Vier-zu-Vier-Variante immer gewinnen kann, aber bei größeren quadratischen Feldern fehlt dieser Beweis.

1957 vermarktete Piet Hein in Dänemark eine Variante von Bulo, dass er Nimbi nannte. Nimbi wird mit 12 Steinen gespielt, die in Gruppen zu 3, 4 und 5 Steinen aufgeteilt werden. Abwechselnd nehmen die Spieler beliebig viele Steine von einer der 3 Gruppen weg. Verloren hat, wer den letzten Stein nehmen muß. Avieri Fraenkel, ein israelischer Mathematiker, und sein Mitarbeiter Hans Herda konnten beweisen, dass der zweite Spieler einen Sieg erzwingen kann. Ihren Beweis lieferten sie in 'Never Rush to Judgement in Playing Nimbi', erschienen im Mathematics Magazine (Januar 1980, Seite 21-26).

Meine nächste Kolumne über Piet Hein (September 1958) führte bei den amerikanischen Lesern den Soma-Würfel ein. Zuerst in Dänemark verkauft, besteht dies Puzzle aus sieben Poly-Würfeln, die durch das Zusammenfügen einzelner Würfel entstanden. Die Hauptaufgabe besteht darin, diese Poly-Wüfel so zusammenzufügen, dass ein Drei-mal-drei-Würfel entsteht. Wie die sieben flachen Polygone des orientalischen Spiels Tangram, können die sieben Soma-Stücke zu einer unendlichen Vielfalt an künstlerischen Formen, die an Tiere, Möbel und andere vertraute Gegenstände erinnern, zusammengefügt werden.

Ich war erstaunt, welches Interesse meine Kolumne über den Soma-Würfel hervorrief. Tausende von Lesern bastelten ihre eigenen Somas, indem sie kleine Würfel zusammenklebten. Mehrere Soma-Würfel-Sätze gingen in den Vereinigten Staaten in den Verkauf, einschließlich eines schönen Sets aus Holz von Parker Brothers, das mit einem, von Piet Hein geschriebenen, Flyer verkauft wurde. Für eine Weile gab Parker Brothers eine Zeitschrift heraus, die sich neuen Soma-Figuren widmete, die Soma-Süchtige kreiert hatten.

John Conway, ein bedeutender, britischer Mathematiker, der jetzt an der Princeton Universität lehrt und sein Freund M.J.T. Guy waren die ersten, die bewiesen (und zwar ohne die Hilfe eines Computers!), dass es 240 verschiedene Arten gibt, die Elemente zu einem Würfel zusammenzustellen, Drehungen und Spiegelungen nicht mitgerechnet. In 'Winning Ways' (Band 2, S. 802-803 von Conway, Elwyn Berlekamp und Richard Guy, dem Vater von M.J.T.) finden Sie Conways bemerkenswerte "Somap". Dies ist eine komplizierte Darstellung von 239 Möglichkeiten, bei der die Lösungen durch Linien miteinander verbunden sind, die die Eigenschaft teilen, dass maximal drei Stücke verändert werden müssen, um die jeweils andere Lösung zu ergeben. Die 240. Lösung ist eine Anomalie, die nicht in die Darstellung passte.

Auf der ganzen Welt gab und gibt es viele Nachahmungen des Soma-Würfels mit unterschiedlichsten Sets an Würfelstücken. Eine Variante nutzt die originalen Soma-Teile, abgesehen davon, dass der Würfel entlang einer Raumdiagonalen gequetscht wurde. Die verzerrten Stücke können entsprechend den Würfel nur auf eine einzige Art bilden. Dies ist keine Weiterentwicklung, sondern ein Rückschritt, denn durch die Verzerrung entfallen viele Möglichkeiten, die Stücke zusammenzusetzen. Ich habe eine zweite Kolumne über den Soma-Würfel geschrieben (September 1972), der auch in 'Knotted Doughnuts and other Mathematical Entertainments' erschien. Die frühere Kolumne findet sich in 'The Second Scientific American Book of Mathematical Puzzles and Diversions'.

Piet Hein wurde erneut in einer Kolumne über die Mathematik von Knoten (Scientific American, December 1959) vorgestellt (nachgedruckt in 'New Mathematical Diversions from Scientific American'). Die Kolumne diskutiert Piet Heins Spiel Tangloid. Bei einem Treffen in Niels Bohrs Institut in den frühen dreißiger Jahren hörte er zum ersten Mal von einem topologischen Kuriosum, genannt 'Paul Diracs Schere'. Dabei geht es um eine Schere, die mit Hilfe von drei Schnüren an einer Stuhllehne befestigt ist. Dadurch kam Piet Hein darauf, dass es ein vergnügliches Spiel sein könnte, wenn zwei Platten durch drei Schnüre miteinander verknüpft wären. Der eine Spieler dreht seine Platte mehrmals, um die Schnüre zu verknoten, dann geht es reihum darum, das entstandene Geflecht wieder zu entwirren, indem die eigene Platte durch die Schnüre geführt wird, aber ohne sie zu drehen.

Die wunderbare Superellipse von Piet Hein war das Thema meiner Kolumne im September 1965, später auch im Mathematical Carnival. Die Superellipse ist eine geschlossene Kurve, die durch eine einfache Formel erzeugt wird, die auf halbem Weg zwischen Rechteck und Ellipse liegt. Jeder in Dänemark weiß, dass die Superellipse die Grundlage für Piet Heins Super-Ei, das  prekär auf einem Ende balanciert, und für eine Vielzahl attraktiver Möbel 'made in Denmark' ist. Das Super-Ei wird auf der ganzen Welt verkauft, genauso wie  superelliptische Teller, Untersetzer, Tafelsilber, Textil-Muster und andere Gegenstände. Die Superellipse wurde das zentrale Muster eines Stockholmer Platzes mit unterirdischen Geschäften und Restaurants im Zentrum der Stadt.

Ein riesiges Super-Ei aus Stein steht vor einem Hotel in Princeton, New Jersey. Das Schweppes Building in Stamford, Connecticut, hat die Form einer Superellipse. Eine Schrifttype namens Melior - sie bewegt sich zwischen Ellipse und Rechteck - basiert auf der Superellipse. Sie finden sie in Douglas Hofstadters Mathematischen Themen abgebildet.

Im Jahr 1972 vermarktete Gabriel Industries, ein amerikanischer Spielzeughersteller, fünf ungewöhnliche mechanische Puzzle, die von Piet Hein erfunden wurden. Ich beschrieb sie am Ende meiner Kolumne im Februar 1973. Besonders faszinierend ist Boxblox - eine dreidimensionale Version des bekannten Puzzles von Sam Loyd, bei dem fünfzehn Spielsteine in einer vier-mal-vier Box enthalten sind. Boxblox ist ein transparenter Kunststoff-Würfel mit sieben Würfeleinheiten, die jeweils drei schwarze und drei weißen Seiten haben. Die Aufgabe besteht darin, die kleinen Würfel durch Kippen der Box so zu verschieben, bis die innere Struktur (ein Würfel mit einer fehlenden Ecke) die gleiche Farbe hat oder bis andere, vorher festgelegte Schwarz-Weiß-Muster entstehen.

Als ich mit dem Schreiben der mathematischen Spiele-Kolumne aufhörte, war es schwierig, den Überblick über Piet Heins spätere Erfindungen zu behalten. Ich besitze seinen Dänemark Globus, auf dem Dänemark stark vergrößert dargestellt wird, um die weltweite Bedeutung dieser Nation zu symbolisieren. Ich habe Fotos von seiner erstaunlichen Sonnenuhr, die aus einem einzigen großen Metallstück besteht.

Unnötig hinzuzufügen, dass Piet Hein nicht nur einer der weltweit genialsten Erfinder von Puzzeln und mathematischen Gesellschaftsspielen war, er ist auch einer der weltweit besten Autoren der leichten Verse. Seine vielen Büchersammlungen von 'Gruks', wie er seine Versform nennt, erfreuen sich enormer Popularität in Dänemark und dem englischsprachigen Raum. Piet Hein hat sie hervorragend übersetzt. Ein geschickter Künstler, der zudem jedes Gruk durch eine Zeichnung erläutert. Wandbilder mit Gruks und den entsprechenden Zeichnungen waren in Dänemark und wo auch immer Englisch verstanden wurde populär. An meiner Wand hängt einer meiner Favoriten:

Probleme, die eines
Angriffs würdig sind,
beweisen ihren Wert,
indem sie zurückschlagen.

Ein weiterer wunderbarer Gruk:

Wir sprechen leichtfertig
über Naturgesetze,
aber haben die Dinge
eine natürliche Ursache?

Schwarze Erde, die sich verwandelt in
gelbe Krokusse
ist unverdünnter
Hokuspokus.

Und hier ein paar persönliche Erinnerungen an Piet Heins Schlagfertigkeit und seinen Sinn für Humor. Ich begleitete ihn eines Morgens zu einer Bank in einem New Yorker Vorort, in dem ich damals lebte. Ein männlicher Kassierer hatte vergessen, sein Namensschild vom Schalter zu entfernen, an dem Piet Hein einen Scheck einlösen wollte. Eine junge Frau stand hinter dem Schalter, aber es war eben noch der Name William Smith zu lesen. Piet Hein begrüßte die Kassiererin mit "Guten Morgen, Mr. Smith". Die Frau erschrak und war perplex, bis sie realisierte, dass da noch immer der Name Smith stand.

Als Piet Heins schöne Frau Gerd Ericsson in einer amerikanischen Produktion von Tennessee Williams ('Die Katze auf dem heißen Blechdach') eine Hauptrolle spielte, bat er mich, ihm eine Kopie des Stücks in Englisch zu schicken. Er bezahlte mich mit amerikanischer Währung und erwähnte in dem Brief, er hätte ein Bild von seinem Haus in Kopenhagen beifügt und ich könnte dort wohnen, wenn ich ihn besuchen käme. Ich konnte aber keinerlei Bild in dem Umschlag finden. Als ich ihm diesbezüglich schrieb, antwortete er mit den Worten, er meinte das Bild des riesigen Lincoln-Memorial-Gebäudes auf der Rückseite des Fünf-Dollar-Scheins!

Piet Heins Englisch war so hervorragend, dass er sich oft in wunderlich pointierten Wortspielen ergötzte. Ich erinnere mich, als wir in einem amerikanischen Restaurant waren, in dem eine Kellnerin dafür zuständig war 'Pop-Overs', eine Art von Brötchen, an den Tischen zu servieren. Als sie an unseren Tisch kam, dankte ihr Piet Hein für 'popping over'. Ich glaube, es war bei dieser Gelegenheit, dass er mir erzählte, dass das mathematische Konzept der Kontinuität in Dänemark bedeutet, dass es in diesem Land zwischen zwei beliebigen Mahlzeiten immer noch eine andere Mahlzeit gibt.

Erfinder, Mathematiker, Philosoph, Dichter, Künstler, Designer - Piet Hein ist einer der wenigen Genies, die ich persönlich kannte und zu meinen Freunden zählen durfte. Möge er lange blühen als einer der einzigartigen, nationalen Schätze. Dänemark wird nie wieder jemanden wie ihn haben.